Operation gelungen, aber Patient tot – Erinnern Sie sich?

gottstein.thumbProf. Dr. med. Ulrich Gottstein

nobellaurelEhrenmitglied des Vorstandes IPPNW
logotext.thumbDer Initiator und Mitbegründer der Deutschen Sektion der IPPNW (Internationale Ärzte zur Verhütung von Atomkrieg) hat beschreibt 12 Jahre nach dem 2. Golfkrieg seine persönlichen Erfahrungen, die er im Irak gemacht hat. Unter dem Titel

Der Mythos des Chirurgischen Krieges.
Gesundheit im Irak heute – Folgen von Krieg und Embargo.

stellte er damals seinen Erfahrungsbericht der Aerzte-Seite zur Veröffentlichung zur Verfügung. Herr Gödert (arztde) hält es aus aktuellem Anlass angesichts des Ukraine Konfliktes für angemessen den Erfahrungsbericht erneut ins Gedächtnis zu rufen.

Acht Wochen nach Kriegsende war ich mit humanitären Hilfen der IPPNW in Bagdad sowie im Norden und Süden Iraks. Ich wollte den Ärzten, die ich schon von meinem ersten Besuch im Dezember 1990 kannte, Medikamente und Hospitalbedarf bringen. Ich wollte die Folgen des angeblich „CHIRURGISCHEN KRIEGES“, so wie er uns im Fernsehen demonstriert worden war, sehen und mich über die Auswirkungen der Sanktionen informieren. In den folgenden Jahren war ich noch sechs Mal in den Kliniken des Iraks.

 

Am ersten Tag war ich beeindruckt, denn in der Tat sah ich in Bagdad zuerst nur die bombardierten oder auch ZERSTÖRTEN Ministerien, sah, dass drei der großen Tigrisbrücken getroffen waren, sowie das zentrale Telefon- und Postamt. Erst nachdem ich mit einem Auto durch die Straßen fuhr, sah ich die Bomben- oder Raketentreffer, die etwa 100 Häuser getroffen hatten. 43 Tage war Bagdad immer wieder Opfer von Luftangriffen gewesen, dafür schienen die Schäden in der Tat gering bzw. die Treffer gezielt, oder wie man es nannte „chirurgisch“, zu sein.
Vom zweiten Tag meines Besuches erkannte ich dann jedoch, was der Begriff „chirurgisch“ in Wirklichkeit bedeutete: Operation, nämlich zielgenaue Entfernung des gewünschten Organs, gelungen, aber Patient tot, denn neben den zielgenauen Treffern auf die genannten Gebäude und Brücken mit relativ wenigen Personenschäden, gab es auch die zielgenaue Zerstörung des größten Bagdader LUFTSCHUTZBUNKERS in Amarija, in dessen drei Stockwerken Platz für 3.000 Menschen war. Mit zwei aufeinander folgenden Raketen, die zielgenau ins gleiche Loch einschlugen, wurden alle drei Stockwerke durchschlagen, der massive Explosionsdruck verklemmte alle Türen, etwa 1.300 Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder, verbrannten oder wurden erschlagen. Selbst wenn die US-Leitstelle angenommen hätte, dass im Luftschutzbunker auch hohe Offiziere nachts Schutz gesucht hätten, so war es dennoch ein Verbrechen, den Luftschutzbunker zu zerstören.

Die ZERSTÖRUNGEN der ELEKTRIZITÄTSWERKE und der Tigrisbrücken, welche die Elektrokabel für die Stadt und überland trugen, sowie der außerhalb Bagdads gelegenen WASSERWERKE und WASSERKLÄRANLAGEN zeigte die ganze Grausamkeit dieses „chirurgischen Krieges“, wie er sich auch im ganzen Land darstellte: Der Ausfall von Elektrizität und die Bombardierung der Wasserwerke bedeuteten den Ausfall aller Wasserpumpen und Wasseraufbereitungsanlagen zur Reinigung des Fluss- und Schmutzwassers, das nun verdreckt in die Flüsse abfloss. Aus diesen Flüssen aber mussten sich die Menschen ihr Trinkwasser schöpfen, und die wenigsten konnten das Wasser abkochen. Die Folgen waren massenhafte Brech-Durchfälle, Typhus und Cholera. Bei diesen Krankheiten kann der Mensch bis zu 7 Liter Flüssigkeit pro Tag verlieren und muss ohne intravenösen Flüssigkeitsersatz, also reichlich Elektrolytinfusionen, innerhalb kürzester Zeit sterben. Allein 170.000 Kleinstkinder und Säuglinge starben daran – und an Infektionen und Hunger im 1. Jahr. Natürlich traf es auch ungezählte Erwachsene, besonders die Erschöpften und Abgemagerten. In den Kliniken gab es keine Infusionen, Infusionsbestecke und Kanülen.

In den KRANKENHÄUSERN fielen die Ventilatoren und Klimaanlagen aus, ferner die Kühlschränke für die temperaturempfindlichen Medikamente, wie z.B. Insulin und Antibiotika, für Impfstoffe, Laborreagenzien, Blutkonserven, um nur einiges zu nennen. Durch die gezielte Zerstörung der einzigen irakischen Milchpulverfabrik, außerhalb Bagdads gelegen, konnten all die Säuglinge, deren Mütter nicht stillen konnten, keine Milch erhalten. Verzweifelte Mütter gaben ihren vor Hunger schreienden Säuglingen Mehl- und Zuckeraufgüsse, die natürlich zu schwersten Verdauungsstörungen und qualvollem Tod führten.

Wie sah der „CHIRURGISCHE KRIEG“ AUSSERHALB BAGDADS aus? Zerstörung fast aller Brücken , zumeist zielgenau, aber oft auch Fehltreffer mit Schäden an Krankenhäusern (z.B. Amara) oder Zivilhäusern, Zerstörung fast aller Fabrikationsanlagen, so auch die einzige – von Spanien vor Jahren gebaute – Fabrik für Krankenhausbedarf, Spritzen und Kanülen bei Babylon, ferner Lagerhallen, landwirtschaftliche Bewässerungssysteme und vieles mehr.

Absolut VERHEEREND sahen die Städte im Süden des Landes aus, besonders Kerbela, Nadjef und Basrah. Basrah war einst das „Venedig des Irak“. Es wurde schon im Iran-Irakkrieg sehr zerschossen. Doch den Rest erhielt die leidgeprüfte Stadt durch den massiven Beschuss von US- Kampfflugzeugen und Flugzeugraketen. Unter anderem ein Flügel des großen und modernen Klinikums wurde schwerst getroffen.

Die Lüge vom chirurgischen Krieg erkennt man auch an den OPFERZAHLEN: Etwa 150.000 irakische Soldaten wurden aus der Luft in ihren Fahrzeugen abgeschossen, als sie sich bereits außerhalb Kuwaits geschlagen auf dem Rückmarsch befanden, oder sie waren bei den Kämpfen in der Wüste von US- Panzern in den Schützengräben lebendig zugeschüttet worden. Man kann kommentieren, so sei das eben im Krieg, aber es gab zusätzlich 50.000 durch Bomben oder Kampfhandlungen getötete Zivilisten.

Besonders grausam war der Tod von weiteren etwa 100.000 Menschen, die in dem BÜRGERKRIEG – zu dem Präsident Bush auf gerufen hatte – zwischen den Schiiten im Süden des Iraks und der irakischen Armee sowie der kurdischen Militia im Norden und der irakischen Armee umkamen. Die Städte Kerbela und Nadjef zeigten sich mir als TRÜMMERLANDSCHAFT – so wie Dresden, Hamburg und Berlin nach dem letzten Weltkrieg. Beeindruckt von der militärischen Macht der USA waren die Schiiten und die Kurden dem Aufruf von Präsident Bush zum Aufstand gefolgt, dann aber von den irakischen Panzern, Kampfhubschraubern und Geschützen in Tage langen Kämpfen blutig besiegt worden. Die US-Regierung schaute zu – ohne dass das bereitstehende Militär, das kurz hinter der Grenze stand, oder die US-Kampfflieger eingriffen. Inzwischen hatte man sich wohl entschieden, lieber den jetzt besiegten und schwachen Saddam zu behalten und die nach Unabhängigkeit strebenden Schiiten und die kämpfenden Kurden umkommen zu lassen – als einen in drei Teile zerbrechenden Irak, gegen den Willen der Türkei und Syriens, genehmigen zu müssen.

Der zweite Golfkrieg war also kein „sauberer, fairer, die Zivilbevölkerung schonender chirurgischer Krieg“, sondern wie üblich ein schmutziger, blutiger, zerstörerischer Krieg, der massiv gegen die Genfer Konventionen verstieß. Der nächste Krieg, wenn er nicht noch verhindert werden kann, wird noch schlimmer werden.

Zum Schluss nur wenige Worte zur Auswirkung des Krieges und der nun 12-jährigen SANKTIONEN auf die Gesundheit und das Befinden der Menschen. Das meiste ist ja heute aus den Medien bekannt: Der irakische Staat darf Öl verkaufen, erst seit knapp zwei Jahren so viel wie er will, doch die reparaturbedürftigen Ölanlagen können nur eine begrenze Menge fördern. Der gesamte Erlös wird von den beziehenden Nationen auf ein UN-Konto eingezahlt. Aus diesem kauft der Sanktionsausschuss der Vereinten Nationen die vom Irak bestellten Artikel. Entsprechend dem Namen des „Oil-for-Food“ genannten Programms sind es also vor allem Lebensmittel, da der Irak nur über eine geringe Eigenproduktion verfügt (Mangel an Kunstdünger und Bewässerung). Aber außerdem müssen aus diesem Konto alle Medikamente und Hospitalbedarf, Klinikapparate, allgemeiner ziviler Haushaltsbedarf, Textilien und Schuhe, Lehrmittel für Schulen und Universitäten, Geräte für Straßen- und Brückenbau etc., sowie Gehälter bezahlt werden. Die Bezeichnung „Öl für Nahrungsmittel“ ist also INKORREKT. Die WHO und auch das Generalsekretariat des UN-Generalsekretärs Kofi Annan haben bestätigt, dass nur etwa 22-32 Cents pro irakischer Person und Tag aus den Erlösen des Ölverkaufs dem Land zur Verfügung stehen, das ist NAHEZU EINE FARCE.

Daneben gelingt es dem Irak, illegal über die Grenzen zur Türkei, zu Jordanien und Syrien, Öl in LKWs auszuführen. Damit werden wahrscheinlich die Gehälter der Regierenden und des Militärs sowie regimenaher Personen bezahlt. Bekanntlich hungert auch Saddam Hussein nicht.

80 Prozent der Bevölkerung dagegen ist arbeitslos und SEHR ARM. Sie muss von dem monatlichen „ESSENSKORB“ leben, den der Staat jedem Bürger nahezu gratis zukommen lässt. Fleisch, Milch, Eier, Obst und Gemüse sind jedoch nicht im „Korb“. Wer regimenah ist und daher gut verdient, oder wer Verwandte oder Freunde im Ausland hat und so Dollargeschenke erhält, kann sich das Nötige auf dem freien Markt oder in Geschäften kaufen. Alle anderen leben von einer unzureichenden Ernährung.

Die Ärzteschaft und die Krankenhäuser erhalten stark verzögert und stets unvollständig, manchmal allerdings auch gar nicht, die bestellten MEDIKAMENTE. Auf der neuen „goods review list“ mit ihren mehr als 300 Seiten stehen all die Artikel, die der UN-Sanktionsausschuss wegen „dual use-Möglichkeiten“ nicht genehmigt. Inhumanerweise werden sehr viele der modernen Medikamente, wie z.B. die Zytostatika zur Krebsbehandlung, Röntgen-und Bestrahlungsgeräte, Laboreinrichtungen u.a. NICHT GENEHMIGT. Die intelligenten und einsatzfreudigen Ärzte, insbesondere die zumeist in England ausgebildeten Chef- und Fachärzte, müssen täglich mit ansehen, wie ihre Patienten sterben, die man heilen könnte. Die vielen Kinder mit Leukämie im Irak sterben zu 100 Prozent, während sie in Deutschland zu 90 Prozent geheilt werden könnten!

Die westliche, vor allem von den USA bestimmte Politik gegen den Irak, der Krieg und das Embargo sind inhuman, verstoßen gegen die Genfer Konventionen, erzeugen im ganzen arabischen Raum großen Hass und sind kontraproduktiv. Wir Ärzte/innen der IPPNW in Deutschland und weltweit fordern ein NEIN ZUM IRAKKRIEG und die Aufhebung der nicht-militärischen Sanktionen.

Prof. Dr. med. Ulrich Gottstein / IPPNW.

Prof. Dr. med. Ulrich Gottstein, Internist Geboren 1926 in Stettin.gottstein2
1938 nach Berlin umgezogen.
Erlebnis der Massenbombardements bis 1944
1944 Kriegseinsatz in Frankreich
1944– 1946 Kriegsgefangenschaft in England.
1947– 1952 Studium der Medizin in Berlin, Göttingen und Heidelberg
1960 Facharzt für Innere Medizin und Priv.Dozent II.Med.Universitätsklinik München
1962 Leitender Oberarzt I.Med.Univ.Klinik Kiel,
1966 apl. Professor für Innere Medizin Universität Kiel
1971– 1991 Chefarzt der Med.Klinik des Bürgerhospitals Frankfurt am Main und Professor für Innere Medizin an der Universität Frankfurt
1972 Gründungspräsident der Deutschen Gesellschaft für Angiologie, sowie Gründungsmitglied der Internationalen Gesellschaft für Hirnkreislaufforschung1981 Initiator und Mitbegründer der Deutschen Sektion der IPPNW (Internationale Ärzte zur Verhütung von Atomkrieg).
Bis 1995 Vorstandsmitglied.
Seit 1995 Ehrenmitglied des Vorstandes
1987– 1993 Vizepräsident der Internationalen IPPNW für Europa
1993– 1996 Mitglied des Internationalen IPPNW-Direktoriums
1996 Gründungs– und Vorstandsmitglied des „Evangelischen Hospitals für Palliative Medizin“ in Frankfurt am MainWissenschaftliche Arbeiten zu Herz-Kreislaufkrankheiten, Hirndurchblutungsstörungen, Palliativmedizin.IPPNW-Aktivitäten: Zahlreiche Vorträge, Referate und Publikationen zu den Wirkungen von Atomwaffen, Abrüstung, Kriegsverhütung, internationaler Versöhnungsarbeit, Hilfen für Kriegsopfer. Acht humanitäre Reisen in den Irak und in die Kriegs- und Nachkriegsgebiete von Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo u.a.

Notiz: Die Links in diesem Artikel sind eine redaktionelle Nachbearbeitung unseres Redakteurs Wilfried Gödert
zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung. Die „goods review list“ von damals ist nicht mehr an der Originalstelle abrufbar. Den heutigen Link zum Dokument finden sie hier.

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Wilfried Gödert
Physician at Tocan Germany
Arzt mit Zusatzqualifikation Medizininformatik. Verantwortlich für die Qualitätskontrolle der chirurgischen Instrumente im Tocan.de Shop.
30 Jahre Erfahrung in der Zweckentfremdung.
Die OpenWRT VPN Router und Projekte um diese Router und das sinnvolle Zubehör werden von Ihm betreut.
Interessen: Netzwerk und Datensicherheit, Haus Automatisierung...